Bildungsstreik auch 2010
20.05.10
Wir fordern kostenlose Bildung für jedeN, ein selbstbestimmtes Lernen ohne Leistungszwang, das sich an den eigenen Interessen orientiert und nicht an der späteren Verwertbarkeit für Untenehmen, eine grundlegende Änderung des Bologna-Prozesses sowie mehr Mitbestimmung an Schulen und Hochschulen. Nachdem sich seit dem großen Bildungsstreik im letzten Herbst nur wenig geändert hat, müssen wir weiter Druck auf die Herrschenden ausüben. Linksjugend ['solid] Nürnberg unterstützt deshalb den Aufruf des Nürnberger Bildungsstreik-Bündnisses am 9. und 10. Juni auf die Straße zu gehen um für bessere Bildung zu demonstrieren, den wir nachfolgend dokumentieren:
Heißer Sommer reloaded: Versprechen allein reichen uns nicht!
Das Ende des letzten Jahres war aufgeheizt. Schon im Spätsommer, während in Deutschland noch die Vorbereitungen für den Bildungsstreik liefen, besetzten Studierende in Österreich den ersten Hörsaal. Im November gingen bundesweit in weit über 100 Städten 270 000 Menschen auf die Straße um sich gegen das bestehende Bildungssystem einzusetzen. Europaweit wurden Hörsäle besetzt, so auch in Nürnberg und Erlangen, wo 4500 Azubis, SchülerInnen und Studierende demonstrierten. Wir nahmen uns den Raum, zusammen unseren Alltag selbst zu gestalten, zu diskutieren und unsere Forderungen zu formulieren. Jetzt versprechen die Verantwortlichen Verbesserungen und zeigen ihr „absolutes Verständnis“ für unseren Unmut.
Wer lernt hier noch mal für wen?
Um uns ruhig zu stellen, wurde nach dem Bildungsstreik im Sommer 2009, an dem sich zunächst hauptsächlich SchülerInnen beteiligten, kläglich am G8 herumgebastelt. Weiterhin aber ist unser Schulsystem auf sozialer Selektion, Leistungsdruck und Anpassungszwang aufgebaut; eine Ungerechtigkeit die wir nicht länger hinnehmen!
Das jetzige Schulsystem versucht einen Idealtyp von „Schüler“ zu formen, der weder kritisch oder störend, noch schüchtern oder zurückhaltend sein soll, sondern sich zwanghaft rege am Unterricht beteiligt. Wenn Kritik stattfindet, dann nur wenn es der Lehrplan vorsieht.
Noten, sowie die Beurteilung des Charakters und des Verhaltens durch sog. Kopfnoten, erzeugen bewusst die Angst, nicht diesem Idealtyp zu entsprechen. Wie wichtig Noten und Einteilung für das Schulsystem sind, zeigt die kommende Einführung der „Schüler-ID“. In dieser werden alle relevanten Daten, z.B. Noten, Herkunft, Fördermaßnahmen und Religionszugehörigkeit der SchülerIn zentral gespeichert.
Durch Bewertung der Leistung und Kategorisierung sollen wir unserem Abschluss entsprechend eine Ausbildung erhalten. Das Ziel unserer Bildung wird durch das Wirtschaftssystem vorgegeben. Unsere Aufgabe hierbei ist einfach: verwertbar sein! Die Angst davor, einmal bei einem miesen Job oder Hartz IV zu landen, produziert einen Konkurrenz- und Leistungsdruck unter dem wir mehr und mehr leiden, und zum Teil auch zerbrechen.
LehrerInnen und RektorInnen, die uns oft als unveränderbare Autoritäten erscheinen, sind Mittel zum Zweck – sie haben die Vorgaben der jeweiligen Kultusministerien zu erfüllen, da bleibt keine Zeit die/den EinzelneN zu fördern. So werden bewusst GewinnerInnen und VerliererInnen aus der Schule hervorgebracht, weil ja nicht alle „Elite“ sein dürfen. Wie viel eigener Spielraum der LehrerInnen bleibt da noch?
Persönliche Bedürfnisse spielen im Schulalltag kaum eine Rolle. Alle Entscheidungen, die uns SchülerInnen betreffen, egal ob Lehrplan, wie gelernt wird oder welche Regeln in der Schule gelten, werden über unsere Köpfe hinweg entschieden. Das höchste der Gefühle, aktiv seine Schule mitzugestalten, ist die Planung einer Fachingsparty oder des Valentinstages.
Wo bleibt das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und der Förderung der Interessen des Einzelnen? Sollte das nicht Ziel der Bildung sein?
Wir SchülerInnen sollten alle Bereiche, die unseren Schulalltag betreffen, basisdemokratisch z.B. durch eine SchülerInnenvollversammlung, selbst bestimmen können. Eine Lösung kann nur eine Schule für alle sein, in der wir gemeinsam und selbstbestimmt nach unseren Interessen lernen und uns nicht nach der Verwertbarkeit am Arbeitsmarkt richten müssen.
Nehmen wir unsere Zukunft gemeinsam selbst in die Hand!
Lehrjahre sind keine Herrenjahre
Nach der Schule wird klar, worauf wir vorbereitet wurden. Dann geht es darum im harten Wettkampf mit den ehemaligen MitschülerInnen um die viel zu wenigen Ausbildungsplätze zu kämpfen. Dafür lässt man sich so einiges bieten. Wer im Wettkampf um die Ausbildungsplätze verliert, den erwarten, ebenso wie 100 000 andere Jugendliche, endlose „Übergangsmaßnahmen“ oder sogar Hartz IV. Damit nicht irgendjemand anderes den Ausbildungsplatz bekommt, muss man sich bei Bewerbungsgespräch als der Motivierteste und Beste verkaufen, egal ob der Job einem wirklich liegt. Doch das allein reicht nicht! Um später einmal ein gutes Arbeitszeugnis und eine Perspektive auf Übernahme in den erlernten Beruf zu erhalten, muss man so allerhand hinnehmen. Die Schikane beginnt bei den Überstunden, die aus einer 40- leicht eine 50-Stundenwoche werden lassen. Uns wird eingetrichtert, dass dies für das Überleben des Betriebes und somit für unsere Ausbildungsstelle notwendig sei. Hinzu kommen ausbildungsfremde Tätigkeiten, wie Kaffee kochen oder auch die Autoreinigung für den Chef zu übernehmen. Während der Ausbildung, in der man eigentlich etwas lernen könnte, wird klar, dass man nur als billige Arbeitskraft eingestellt wurde. Wer sich dagegen wehrt, gefährdet seine Übernahme.
Doch selbst wer immer kuscht und alles über sich ergehen lässt, hat alles andere als die versprochenen Herrenjahre vor sich. Nach der Ausbildung bleibt die perspektivlose Wahl zwischen Leiharbeit, Arbeitslosigkeit und Übernahme zu miserablen Bedingungen. Durch Propaganda-Veranstaltungen an Schulen und ARGEn glauben viele in dieser Situation, dass die Bundeswehr eine sichere Alternative sei. Krieg, Töten und getötet werden, aber auch die seelischen Folgeschäden werden dabei bewusst ausgeklammert.
Von der Bildungseinrichtung zum Wirtschaftsunternehmen
Doch auch AkademikerInnen, denen suggeriert wird, die GewinnerInnen im Wettkampf um eine gesicherte Zukunft zu sein, sehen sich zunehmend mit dem Gegenteil konfrontiert.
Vor wenigen Jahren noch war Bildung per Gesetz ein kostenlos garantiertes Grundrecht – jetzt merkt jedeR von uns, dass zum Semesterbeginn 500 Euro auf dem Konto fehlen. Das heißt nicht, dass der Hochschulbetrieb vor Einführung der Studiengebühren besser und gerechter war, sondern nur, dass sich die schon damals vorhandene negative Entwicklung in verschärfter Form fortgesetzt hat.
Durch die Umstellung der meisten Studiengänge auf das Bachelor/Master-System wurden Studienzeiten verkürzt, um dem Markt schneller qualifizierte Arbeitskräfte zu liefern. Kritische Reflexion ist hierbei unerwünscht, denn die ist schließlich nicht ökonomisch verwertbar. Wie stark die wirtschaftliche Konkurrenz alle Ansätze freiheitlicher Bildung untergraben hat, wird durch die Zugangsbeschränkungen zum „Master“ deutlich. Denn nur wer den erforderlichen Notendurchschnitt erreicht, darf zumindest theoretisch weiter studieren. Doch das ist noch lange nicht alles! Vor allem die Forschung wird an den Hochschulen immer mehr nach wirtschaftlichen Interessen ausgerichtet. Das heißt im Einzelnen, dass nicht nach dem geforscht wird, was für unsere Bedürfnisse wichtig ist, sondern viel mehr nach neuen Produktionsmethoden und Prozessinnovationen, die es Unternehmen ermöglichen in der Konkurrenz aller gegen alle zu bestehen. Damit einhergehend wird die Hochschule abhängig von diesen Unternehmen. Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass Banken und Konzerne mehr über unseren Studienalltag bestimmen können als wir selbst. Eine studentische Mitbestimmung ist in Bayern kaum gegeben. Selbst die im sonstigen Bundesgebiet vorhandenen verfassten Studierendenschaften sind in Bayern skandalöserweise nach wie vor verboten. Eine emanzipatorische Bildung ist nicht ohne die Mitbestimmung der StudentInnen machbar und schon gar nicht, wenn die Hochschule zum Wirtschaftsunternehmen umgewandelt wird.
Veränderung beginnt mit Widerstand
So unterschiedlich die Symptome zu sein scheinen, das Problem ist immer das gleiche. Wir sollen uns bis zur absoluten Optimierung verwertbar machen und uns den Nachfragen auf dem Arbeitsmarkt anpassen. Eigene Bedürfnisse und Interessen treten in den Hintergrund, die Verhältnisse des Alltags sind von Konkurrenz und der Angst vor dem Versagen durchdrungen. Das ewige „auch du kannst es schaffen“ ist angesichts von Massenentlassungen und immer schlechteren Arbeitsverhältnissen absurd und kann keine Perspektive für ein besseres Leben darstellen. Bildung darf nicht nur die Vorbereitung auf das Arbeitsleben sein, viel mehr müssen wir uns dafür einsetzen, sie nach den Bedürfnissen Aller zu gestalten. Dass wir das selbst können, haben wir bereits bewiesen. Die Besetzungen haben gezeigt, dass wir es schaffen, unseren Alltag gemeinsam zu gestalten und neue Bedingungen zu schaffen. Eine bessere Gesellschaft muss von uns selbst gestaltet werden!
Der Kampf geht weiter!
Das heißt täglich, auch im Kleinen, für Verbesserungen zu kämpfen. Egal ob SchülerIn, Azubi oder StudentIn: Unser Widerstand findet am 9. und 10. Juni einen gemeinsamen Ausdruck, wenn sich SchülerInnen, Studierende, Azubis, Eltern und alle weiteren, die sich mit unseren Forderungen solidarisieren, für eine Bildung nach den Interessen aller einsetzen. In Erlangen und Nürnberg finden an diesen Tagen Demonstrationen statt, um den Widerstand gegen das jetzige Bildungssystem gemeinsam auf die Straße zu tragen. Das ist wichtig, damit unsere Interessen von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Allerdings sollte dies nicht alles sein. Veränderungen können nur durch einen kontinuierlichen, solidarischen und gemeinsamen Kampf erreicht werden. Es ist also wichtig sich zusammenzuschließen und im Alltag für Verbesserung einzutreten. Genau das tun wir im Bildungsstreikbündnis. Hier diskutieren, planen und organisieren wir kleine und große Aktionen, wie zum Beispiel den Bildungsstreik, tauschen uns untereinander aus und vernetzen uns bundesweit. Alle, die sich für eine gerechte Bildung einsetzen wollen, sind bei uns willkommen. Nach der Demonstration in Nürnberg wird es ein Camp geben. Dort werden inhaltliche und praktische Workshops, Diskussionsrunden, Konzerte und Essen angeboten. Eigene Ideen und Vorstellungen können und sollen eingebracht werden. Den Abschluss findet das Camp am nächsten Tag in einer Abenddemo. Diese soll auch LehrerInnen, Eltern und allen, die sich mit den Bildungsprotesten solidarisieren, ermöglichen ihre Wut auf die Straße zu tragen.
Kostenlose Bildungs für alle!
Für ein freies und selbstbestimmtes Leben und Lernen!
Kommt zum Bildungsstreik am 9.Juni und zur Abbenddemo am 10.Juni!
Beteiligt euch am Camp!
